Eine von Schüler*innen gestaltete Collage im Evangelischen Montessori-Schulhaus Freiburg. Foto: Martin Kirchner.

Bildung 2030: Mit inklusiver Schulentwicklung zur Resilienten Schule

Olaf-Axel Burow, bis 2017 Prof. für Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel, zeigt in seinem Artikel sieben Trends zur inklusiven Schulentwicklung auf.

In Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und Pandemie benötigen Lehrkräfte neue Kompetenzen und Konzepte für den proaktiven Umgang mit Unsicherheit, für die Entwicklung und Umsetzung innovativer, digital unterstützter Lehr-/Lernformate sowie für die inklusive Schulentwicklung ihrer Bildungseinrichtung zu einer inklusionsorientierten, krisensicheren, „Resilienten Schule“ (Burow 2021). Nur die Kombination von Personal-, Unterrichts- und Organisationsentwicklung kann dies leisten, denn die Bildungslandschaft im Allgemeinen und die Schule im Besonderen stehen vor dramatischen Umbrüchen. Wie ich in „Bildung 2030 – Sieben Trends, die die Schule revolutionieren“ (Burow 2017) beschrieben habe, zeichnen sich sieben Trends ab, deren Berücksichtigung bei der inklusiven Schulentwicklung notwendig ist, um Schulen und Lehrkräfte für den absehbaren Wandel fit zu machen:

Sieben Trends inklusiver Schulentwicklung

Trend 1: Digitalisierung

Digitalisierung ist der Megatrend, denn alles was digitalisierbar ist wird in absehbarer Zeit digitalisiert werden. Dies beinhaltet Chancen und Risiken.

Trend 2: Personalisierung des Lehrens und Lernens

Vor allem aber ermöglicht Digitalisierung eine Personalisierung des Lehrens und Lernens unter Berücksichtigung der Anforderungen inklusiver Beschulung und damit eine Veränderung der Lehrerrolle: Wenn Lernen mobil, also zeit- und ortsunabhängig wird und vermittels Lernplattformen und Algorhythmen passgenaue Lehrangebote ermöglicht, die individuelle Lernstände, Talente und Neigungen berücksichtigen, dann wandelt sich die Lehrertätigkeit vom Wissensvermittler zum Lernumgebungsdesigner, Berater und Coach. Digitale Medien ermöglichen durch Nutzung personalisierter Software das Eingehen auf die spezifischen Bedürfnisse von Kindern mit besonderem Förderbedarf.

Trend 3: Vernetzung

Teamwork beim Knoten lernen im Evangelischen Montessori-Schulhaus Freiburg. Foto: Martin Kirchner.Vernetzung als Folge der Digitalisierung bedeutet, dass alle Lehr-und Lernaktivitäten über das Internet und entsprechende Plattformen verbunden werden. Die alte, vom Leben abgeschlossene Unterrichtsschule kehrt in die Gesellschaft zurück, denn wenn Schüler/innen statt eine Arbeit für den Papierkorb zu schreiben, die Aufgabe erhalten, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben oder z.B. ein Erklärvideo für ihre MitschülerInnen zu entwickeln, werden sie Teil der kollektiven Intelligenz. Nicht länger lernen wir für eine Zukunft, die es vielleicht nicht mehr geben wird, sondern gestalten mit unseren Aktivitäten im Hier-und-Jetzt Teile des Unterrichts und Schulkultur selbst. Dies erfordert einen Abschied vom „Brockhausdenken“, in dem das Wissen nach Fächern geordnet und in Kästchen sortiert wird. Die 21st century skills erfordern die Befähigung zu vernetztem, systemischen, fächerübergreifendem Denken und Handeln.

Trend 4: Veränderung des Lehr- und Lernraums

Für dieses eingreifende, zukunftsgestaltende, projektorientierte und problemlösende Lernen benötigen wir eine Veränderung des Lehr-und Lernraums, der gemäß dem Motto der Montessori-Pädagogik „Hilf mir es selbst zu tun!“ so gestaltet sein muss, dass er die Selbsttätigkeit von SchülerInnen und Lerngruppen angepasst an ihre individuellen Voraussetzungen unterstützt. Das alte Klassenzimmer mit seiner frontal auf die Tafel und die Lehrkraft ausgerichteten Zentrierung, wird den neuen Anforderungen nicht gerecht. Wie diese neue, flexible Schularchitektur aussehen könnte, kann man auf den Seiten der Montags-Stiftung sowie bei der schwedischen Architektin Rosan Bosch.

Trend 5: Die gesundheitsorientierte, „gesunde“ Schule

Wenn zu viele Lehrkräfte und auch Schüler in der alten Schule – wie Untersuchungen zeigen – zu einseitig belastet sind, dann wird deutlich, dass die Schule der Zukunft eine gesundheitsorientierte, „gesunde Schule“ sein muss.

Trend 6: Demokratisierung

Da Manipulation durch Fakenews und soziale Plattformen unser politisches System durch Fehlinformationen bedrohen werden Demokratisierung und die Förderung kritischen Bewusstseins in Form von zukunftsgestaltenden Partizipationsprojekten wie auch der Vermittlung von Demokratiepädagogik zentral. Die Fridays-for-Future-Bewegung hat gezeigt, dass SchülerInnen sich für eine lebenswerte Zukunft engagieren wollen. Hierfür brauchen wir Zeitfenster, in denen man Zukunftsgestaltung lernt, etwa ein „Schulfach Zukunft“, wie ich es an anderer Stelle (Burow 2020) vorgestellt habe.

Trend 7: Glücksorientierung

Von Schüler*innen gestaltetes Plakat im Evangelischen Montessori-Schulhaus Freiburg. Foto: Martin Kirchner.Schließlich geht es um eine Rückbesinnung auf grundlegende Ziele von Bildung. Eine zukunftsorientierte Bildung sollte die Befähigung zur Führung eines gelingenden Lebens ermöglichen, womit wir beim letzten Trend wären: Glücksorientierung ist Basis einer „Positiven Pädagogik“ (Burow 2011), deren Kern der amerikanische Philosoph und Erziehungsreformer John Dewey 1930 in einer zeitlos gültigen Erkenntnis auf den Punkt brachte: „Herauszufinden, wozu man sich eignet und eine Gelegenheit zu finden, dies zu tun, ist der Schlüssel zum Glücklichsein.“ Genau dies sollten Schule und Unterricht, aber auch Lehrerbildung ermöglichen.

Mit inklusiver Schulentwicklung zur „Resilienten Schule“

In „Die Corona-Chance – Sieben Schritte zur Resilienten Schule“ (Burow 2021) habe ich anknüpfend an meine sieben Trends einen Fahrplan zur Entwicklung inklusiver, „resilienter“, d.h. krisensicherer Schulen vorgestellt sowie Methoden und Instrumente detailliert beschrieben. Nachfolgend skizziere ich die wichtigsten Eckpunkte.

Zukunftsbild

Startpunkt sollte ein Pädagogischer Tag sein, zu dem Sie die Schlüsselpersonen ihrer Einrichtung (Schulleitung, Kolleg*innen, Eltern- und Schülervertreter, andere Dienstkräfte sowie Unterstützer) versammeln, mit dem Ziel sich auf ein Leitbild mit einer ausgearbeiteten Zukunftsvision zu einigen. Dieses Zukunftsbild sollte durch einen aus drei Kernwerten (z.B. „inklusiv – innovativ – engagiert“) bestehenden „Zukunftscode“ präzisiert werden. Das gemeinsame getragene Leitbild (eine anschauliche Illustration der erwünschten Zukunft) und der von ihrer Schulgemeinde entwickelte Zukunftscode dienen quasi als Wegweiser für den nun schrittweise erfolgenden Umbau zur inklusiven Schule. Dieses Vorgehen, das ich in den letzten 25 Jahren an einer Vielzahl von Bildungseinrichtungen eingeleitet habe, wird durch die Metastudien des neuseeländischen Schulforschers Hattie bestätigt, münden seine Analysen doch in die Erkenntnis, dass geteilte Haltungen sowie wertschätzende Beziehungen die wirksamsten Faktoren erfolgreicher Schulentwicklung sind

Was wollen wir bis 2030 erreichen?

Anknüpfend an Leitbild und Zukunftscode sollte in einem zweiten Schritt ein detaillierter Umsetzungsplan mit klaren Verantwortlichkeiten entwickelt werden, wobei es hier auf den Perspektivenwechsel ankommt: Von der Vision ausgehend, also z.B. den erwünschten Zielzustand im Jahr 2030 werden Meilensteine benannt: Was wollen wir bis 2030 erreicht haben? Was bis 2025? Was bis 2022? Welchen Schritt unternimmt wer mit wem nächste Woche? Dafür ist es sinnvoll zu den sieben Trends bzw, den Zielen, die Sie vorrangig angehen wollen  Projektteams, „multiprofessionelle Teams“ bzw. „professionelle Lerngemeinschaften zu bilden, die einzelne Aspekte der Vision bzw. der Trends so aufbereiten, dass sie in den Schulalltag Eingang finden können.

Multiprofessionelle Teams

2020 fördert die ESS das Projekt Actionbound.Eine AG „Digitalisierung und Inklusion“ könnte z.B. Lernplattformen wie z.B. Khan-Academy, Sofa-Tutor oder Simple Mind auf Unterstützungsmöglichkeiten für inklusive Beschulung untersuchen und sich der Frage stellen, welche Geräte- und Softwareausstattungen sinnvoll sind. Dank eines sich ausweitenden Angebots an Lernapps lassen sich die bei SchülerInnen beliebten Smartphones für vielfältige Lernaufgaben nutzen. Für innovative Formate inklusiver Beschulung eignen sich aber besser iPads, die leicht zu bedienen sind und z.B. die Nutzung und Erstellung von Erklärvideos durch SchülerInnen ermöglichen. Schriftgrößen lassen sich variabel anpassen, das Gerät kann über Sprachsteuerung bedient werden und in variablem Tempo, Lautstärke Texte sogar in frei wählbaren Sprachen vorlesen. Die Khan-Academy bietet zudem kostenfrei eine Software, die das individuelle Lernverhalten des Schülers verfolgt und ihm passgenau Aufgaben zuweist. Bei all dem müssen wir bedenken, dass wir erst am Beginn einer Revolution personalisierten Lehrens und Lernens mit Unterstützung digitaler Medien stehen (vgl. Burow 2019), die völlig neue Möglichkeiten inklusiver Beschulung eröffnet. Entscheidend für die erfolgreiche Nutzung dieser rasant sich entwickelnden Innovationen sind die gemeinsam geteilte Vision, die Bereitschaft in Teams zu lernen und sich den neuen Herausforderungen zu stellen sowie die Kooperation mit außerschulischen Lernorten und Bildungsträgern.

Personalisierte Lernformate

Personalisierte, auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse einzelner Schüler zugeschnittene Lernformate setzen voraus, dass Lehrkräfte sich aktiv mit den neuen Möglichkeiten auseinandersetzen und lernen, digitale Medien als Unterstützungs- und Entlastungswerkzeuge für Routineaufgaben, wie z.B. Stoff- und Fertigkeitsvermittlung zu nutzen, um mehr Zeit für die immer wichtiger werden Beziehungsarbeit zu haben. Dabei gilt: Analog und digital sind keine Gegensätze, sondern sollten einander ergänzen, dies zeigt auch folgendes Beispiel: An der Alemannen-Schule in Wutöschingen, die auf dem Weg inklusiver Schulentwicklung weit fortgeschritten ist, unterrichten Lehrkräfte bei vollem Deputat nur noch zwölf Stunden und nutzen die übrige Zeit dafür, SchülerInnen individuell zu betreuen, zu coachen, Unterrichtsmaterialien zu erstellen, Lernumgebungen zu designen und digitale Plattformen auszubauen, aber auch dafür, den außerschulischen Bereich im Rahmen von Projekten am Nachmittag, die teilweise außerhalb der Schule stattfinden, zu entwickeln.

Realistischer Umsetzungsplan in kleinen Schritten

Viele der KollegInnen, die sich zur Zeit schon durch die Corona-Krise überfordert sehen, werden die Anforderungen, die sich aus der Berücksichtigung meiner sieben Trends ergeben als zusätzliche Belastung und deren Umsetzung als illusionär ansehen. Doch wie das Beispiel der Alemannen-Schule, einer ehemaligen Hauptschule und jetzigen Gemeinschaftsschule zeigt, ist das Gegenteil der Fall: Beginnend mit einer Klärung ihrer Werte und Zielvorstellungen im Jahr 2008, über die Verabschiedung eines Leitbilds im Jahr 2011, den Aufbau eines Materialnetzwerkes mit Kompetenzrastern zu selbstständigen Erarbeitung im Jahr 2012 und den versuchsweisen Start des neuen Modells in den Klassen 5/6 hat dieses Kollegium in kleinen Schritten zielstrebig an der Umsetzung ihrer Vision gearbeitet und sich von den unvermeidlichen Rückschlägen und Widerständen nicht entmutigen lassen. Bis 2018 erfolgte die Einrichtung einer digitalen Lernplattform, die den gesamten Lernstoff digital verfügbar machte, ein App-Curriculum und ein schrittweiser Abschied von Klassenzimmern hin zu einer offenen Lernlandschaft. An diesem Beispiel zeigt sich, wie wichtig die gemeinsam entwickelte Vision und ein realistischer Umsetzungsplan mit einem Vorgehen mit klaren Verantwortlichkeiten in kleinen Schritten ist. Und das Beste: Auf der Homepage dieser Schule können Sie sich anhand von instruktiven Filmen nicht nur einen Einblick in dieses Modell gelingender, inklusiver Schulentwicklung verschaffen, sondern auch sofort die Lernplattform und das Materialnetzwerk nutzen.

Zukunftsfähige Lehrkräfte müssen zu Schulentwicklern bzw. „Future Designern“ werden

Teamwork zwischen Lehrerin und Schülerin beim Kletterunterricht im Evangelischen Montessori-Schulhaus Freiburg. Foto: Martin Kirchner.Die Corona-Krise hat nicht nur die Schwächen weiter Teile des Deutschen Schulsystems und der Bildungsorganisation offengelegt, sondern auch den Blick für die Nutzung der „Corona-Chance“ (Burow 2021) geweitet: Wie ich aus unseren Schulentwicklungsprojekten und von den Gewinnerschulen des Deutschen Schulpreises, gibt es immer mehr Schulen, die statt auf Anweisungen von oben zu warten proaktiv innovative Wege gehen, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden und die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Weite Teil der Bildungsverwaltung wie auch der Lehrerbildung indes hängen immer noch zu sehr an ihren alten Mustern. So benötigen wir dringend neue Rekrutierungsverfahren und eine stärkere Konzentration auf Persönlichkeitsentwicklung und frühe Praxiskontakte, denn zu viele angehende Lehrkräfte erkennen erst nach der Verbeamtung, dass sie den falschen Beruf ergriffen haben – mit fatalen Folgen für sie und ihre Schüler. Aber auch zu viele langjährige KollegInnen sperren sich gegen den notwendigen Wandel. Zukunftsfähigen Lehrkräften ist dagegen längst klar, dass sie sich nicht auf ihre Rolle als Vermittler von Fachwissen beschränken können, sondern dass sie in einer schnell sich wandelnden Welt zusätzlich zu Schulentwicklern, zu „Future Designern“ werden müssen, um gemeinsam mit engagierten Lehrkräften, Eltern- und Schülervertretern ihre Schule und den Unterricht weiterzuentwickeln. Dieser Wandel lohnt sich: Denn nie waren die Möglichkeiten so groß, Schule zu einem Ort von Potentialentfaltung, inklusiver Förderung und guten Leistungen zu machen.

Notiz zum Autor

Olaf-Axel Burow bis 2017 Prof. für Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel. Autor zahlreicher Bücher zur Zukunft des Lehren und Lernens. Mitherausgeber der Zeitschrift für Pädagogische Führung. Mit dem Institute for Future Design berät er Bildungseinrichtungen und Unternehmen.

Letzte Veröffentlichungen

  • Burow O.A. 2021): Die Corona-Chance: Sieben Schritte zur Resilienten Schule. Weinheim: Beltz.
  • Burow O.A. (2020). Future Friday. Warum wir das Schulfach Zukunft brauchen. Weinheim: Beltz.
  • Burow O.A. (Hg.) (2019): Schule digital – wie geht das? Weinheim: Beltz.
  • Burow O.A. & Gallenkamp C. (Hg.)(2017): Bildung 2030 – Sieben Trends, die Schule revolutionieren. Weinheim: Beltz.
  • Burow O.A. (2016): Wertschätzende Schulleitung. Der Weg zu Engagement, Wohlbefinden und Spitzenleistung. Weinheim: Beltz.

Literaturtipp

Ruppaner S. (2020): Corona und Schule – Wo ist das Problem? In: Pädagogische Führung, 6, 2020.