Klassenräume im üblichen Sinn gibt es für die Schüler*innen nicht; „Schule“ findet ganzjährig weitgehend auf dem Gelände der Jugendfarm Schwarzach statt.

Die Schwarzbach-Schule der Johannes-Diakonie in Mosbach

Die Schwarzbach-Schule Mosbach als Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum der Johannes-Diakonie hat sich mit ihrem Projekt „Outdoor-Klasse ohne Klassenzimmer“ am Förderprogramm Sichtbar evangelisch 2020 beworben. Mit Erfolg: Die Evangelische Schulstiftung in der EKD (ESS) prämierte das Projekt mit ihrem Sonderpreis. Das nachfolgende Porträt ist ein Auszug aus der Publikation „Wie der Mensch zum Menschen wird“. In seiner Veröffentlichung hat sich Otto Seydel als Jury-Mitglied in liebevoller Kleinarbeit allen Einsendungen aus 2020 gewidmet, um Gelungenes und Bedeutsames herauszuarbeiten – zur Nachahmung, Inspiration und Neuerfindung!

Bauwagen statt Schulhaus?

Tierpflege statt Rechtschreibunterricht! Zunächst ist die Schwarzbach Schule Mosbach der Johannes-Diakonie eine reguläre staatlich anerkannte Ersatzschule mit einem christlichen Profil: sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung. Die Schule bietet zwei unterschiedliche Bildungsgänge: „geistige Entwicklung“ und „lernen“. Und für diese Bildungsgänge findet der Unterricht in der Regel in ganz normalen Klassenzimmern in einem ganz normalen Gebäude statt.

Schulverweiger*innen

Die Schüler und Schülerinnen der Outdoor-Klasse sind zwischen 7 und 21 Jahre alt.

Die Outdoor-Klasse besteht seit 2007, und im Schnitt können pro Jahr 2-3 Schüler*innen ins Stammhaus der Diakonie oder ins Berufsleben rückgeführt werden. Ein großer Erfolg!

Was aber ist ein geeigneter Ort für Kinder und Jugendliche, die – aus welchen Gründen auch immer – im deutschen Schulsystem als absolut nicht mehr tragbar gelten, die jedes gut gemeinte inklusive System sprengen? Kinder und Jugendliche, die in ihrem Verhalten extrem instabil sind, nicht vorhersehbar reagieren? Und die es in geschlossenen Räumen, in Klassenzimmern, schlicht nicht lange aushalten? Ihr Verhalten Mitschüler*innen und Erwachsenen gegenüber scheint dauerhaft gekippt: Destruktive Verhaltensmuster sind fixiert. Solches Verhalten kommt phasenweise durchaus auch bei ganz stabilen Kindern und Jugendlichen vor – aber eben nur gelegentlich und ist im Prinzip korrigierbar.

Das Konzept der Outdoor-Klasse

Die Schüler und Schülerinnen der Outdoor-Klasse sind zwischen 7 und 21 Jahre alt. Der Großteil wohnt verteilt auf Wohngruppen des Schwarzacher Hofs. Im Schnitt sind in dieser besonderen Klasse ca. zehn Kinder und Jugendliche. Klassenräume im üblichen Sinn gibt es für diese Schülerinnen und Schüler nicht. „Schule“ findet ganzjährig weitgehend auf dem Gelände der Jugendfarm Schwarzach statt. Dort befinden sich drei Bauwagen, eine Feuerstelle und verschiedene Stallungen: Esel, Ziegen, Schweine, Ponys, Hasen und Meerschweinchen. In der überdachten Outdoor- Küche kann auf einem Herd Essen zubereitet werden. Auch Fachunterricht wird im Bauwagen oder – gelegentlich – im Schulhaus gehalten, und zwar grundsätzlich in Einzelsettings oder in Kleingruppen. Jeder Vormittag hat eine klare Struktur: Morgenbesprechung, Versorgung der Tiere und anschließend Unterricht.

Versorgung der Tiere

In einer Art Schülerfirma werden die Schülerinnen und Schüler der Outdoor-Klasse herausgefordert, ihre Kenntnisse in Sachen Tierpflege an Andere weiter zu geben.

Im täglichen Umgang bauen die Schüler*innen positive Beziehungen zu den Tieren auf und gewinnen Vertrauen – in sich selbst und in andere.

Nach der gemeinsamen Morgenbesprechung müssen die Tiere versorgt werden: Füttern, Tränken, Stallreinigung. Im täglichen direkten Kontakt bauen die Schüler und Schülerinnen eine Beziehung zu den Tieren auf, in manchen Fällen speziell zu „ihrem“ Tier, zu dem sie sich besonders hingezogen fühlen. Die Tiere können beruhigend wirken. Sie bieten – beiläufig! – zahlreiche Lernanlässe. Im Idealfall wird diese positive Bindungserfahrung generalisiert: Eine gute Beziehung ist möglich – irgendwann auch zu anderen Menschen. In einer Art Schülerfirma werden die Schülerinnen und Schüler der Outdoor-Klasse herausgefordert, ihre Kenntnisse in Sachen Tierpflege an Andere weiter zu geben: Jeden Mittwoch besteht nämlich für eine fremde Schulklasse das Angebot, die Outdoor-Klasse für einen „Abenteuertag“ zu besuchen. Diesen Tag bereitet die Outdoor-Klasse selbst vor, indem sie für die Besuchsklasse verschiedene Projekte plant: Tierversorgung, Ausmisten der verschiedenen Stallungen, Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens in der Outdoor-Küche. Dafür wird die Besuchsklasse in kleine Gruppen aufgeteilt, für die die Schüler und Schülerinnen der Outdoor-Klasse als Projektleitungs- und/oder Expertenteam aktiv Verantwortung übernehmen – jeweils für eine Gruppe. Selbstständig erklären sie den Gästen die verschiedenen Arbeitsschritte und leiten sie bei der Durchführung an. Jeder Projektstation ist eine Lehrkraft der Outdoor-Klasse zugeteilt, sodass die Schülerinnen und Schüler in ihrer Funktion als Expert*innen unterstützt werden können, wenn eine Überforderung droht. Außerdem können die Lehrkräfte weitergehende Fragen beantworten. Beim gemeinsamen Mittagessen haben beide Klassen, die Besuchsklasse und die Outdoor-Klasse, die Möglichkeit, sich intensiver auszutauschen.

Unterricht

Auch die Unterrichtsstunden der Schwarzbach-Schule Mosbach unterscheiden sich deutlich von denen einer konventionellen Schule. Sie sind weitgehend geprägt durch die Kopplung von Deutsch- oder Mathematikthemen an projektorientiertes, meist handwerkliches Arbeiten. Die Unterrichtssituationen werden verhaltenstherapeutisch gestützt und in ritualisierte Vorgehensweisen eingebettet. Dabei ist es entscheidend, für jede Schülerin und jeden Schüler den passenden individuellen Takt neu zu finden. Denn die Bedürfnisse bezüglich Ausdauer, Aufmerksamkeit und Freiraumbedarf während der Arbeit sind extrem unterschiedlich. Methoden der körperlichen Aktivierung werden genutzt, um das gesteigerte Bedürfnis vieler dieser Kinder nach zusätzlicher Bewegung zu beantworten. Mehrmals pro Woche finden Sport- und Schwimmangebote, Hippotherapie und Wanderungen statt. Die Wohnsituation im nahen Schwarzacher Hof ermöglicht einen individuell ausgerichteten Rhythmus, z. B. gegebenenfalls eine nur stundenweise Teilnahme am Unterricht statt des ganzen Vormittags. So können in Absprache mit den Mitarbeiter*innen der Wohngruppe Einzelne eine Aktivität verlassen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, am Unterricht teilzunehmen.

Der Weg zurück

Die Outdoor-Klasse besteht seit 2007. Sie ist ein Angebot für Schülerinnen und Schüler, denen alle Türen verschlossen scheinen, selbst den Weg in / den Weg zurück in eine normale Schule und – langfristig – in ein selbstständiges Leben zu finden. Mit dem Konzept der Schwarzbach Schule Mosbach wird für viele eine Umkehr und Rückkehr möglich, sei es ins Stammhaus der Schwarzbach Schule, sei es in eine kooperative Organisationsform oder sei es – im Fall der älteren Schülerinnen und Schüler – ins Berufsleben. In den letzten zwei Jahren ist es gelungen, drei Schüler*innen ins Stammhaus in eine Klasse zu integrieren und zwei Jugendliche in eine Berufsausbildung zu bringen. Über die Jahre liegt die Rückführungsquote bei zwei bis drei Schüler*innen pro Schuljahr.

Pädagogische Qualitäten

Ausgangspunkt für dieses Konzept sind drei entscheidende Grundannahmen:

  1. Die Haltung der Pädagog*innen gegenüber diesen Schülerinnen und Schülern: Sie sind Schülerinnen und Schüler (Menschen!) wie alle anderen – mit dem Unterschied, dass bei ihnen das als störend empfundene Verhalten aktuell massiv überwiegt. Schlagen, kratzen, beißen, …. Die destruktiven Muster sind für diese Schüler – vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte – paradoxerweise „subjektiv sinnvoll“.
  2. Das Konzept von Schule: Die Schwarzbach Schule Mosbach passt sich den Schüler*innen an – nicht die Schüler*innen der Schule. Dabei heißt Anpassung natürlich nicht, dass sie deren destruktive Muster billigt oder gar übernimmt. Aber unser aktuelles Schulsystem verstärkt mit seinen curricularen und institutionellen Zwängen das negative Verhalten von Schülerinnen und Schülern mit einer entsprechenden Biografie viel mehr, als dass es dieses Verhalten mindern kann. Die Konsequenz: Es muss ein Rahmen geschaffen werden, in dem die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt selbst entdecken und erfahren, dass ein anderes – eben nicht das für sie gewohnte destruktive – Verhalten für sie selbst „subjektiv sinnvoll“ werden kann. Und diese Erfahrungsmöglichkeit bekommt unbestreitbaren Vorrang vor allem Anderen.
  3. Der diakonische Auftrag: Mit aller verfügbaren Kraft sich um diejenigen zu kümmern, die als endgültig „verloren“ gelten, die durch alle Raster unserer Gesellschaft gefallen sind, ist zentrales christliches Anliegen: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40)

Positive und sichere Bindung

Wichtiger als alles andere ist, dass die Schülerinnen und Schüler eine positive und sichere Bindung zu ihren Lehrkräften entwickeln können. Diese Bindung muss wachsen – man kann sie nicht „machen“. Der feinfühlige Umgang der Erwachsenen mit den Kindern und Jugendlichen soll ihr Selbstbewusstsein stärken und ihr Selbstwertgefühl steigern. Wichtige Unterstützung erhält dieser Bindungsaufbau dafür durch das Gesamtsetting, das einen so gänzlich anderen Ort schafft als den einer üblichen Schule. Die Arbeit mit den Tieren bekommt eine Brückenfunktion. Sie eröffnet die Chance, dass positive Bindungserfahrungen auf die soziale Situation mit Menschen übertragen werden können. Mit der Kopplung der Arbeit mit den Tieren an den Abenteuertagen für Besuchsklassen, weitet sich das positiv besetzte Erfahrungsfeld erheblich: Indem sie den Gästen die Arbeitsschritte erklären und sie bei der Durchführung anleiten, spüren sie, dass auch sie jetzt Dinge können, die nicht jede/r kann, und die sie Anderen erklären können. Durch die Begegnungen an den Abenteuertagen kann zudem der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ein Stück weit zur Normalität werden. Für die Gäste bieten sich Ansätze für ein Verständnis für Verhaltensweisen, die zuvor eventuell als fremd oder vielleicht sogar beängstigend wahrgenommen wurden.

Ansprechpartner: Steven Reres